England gilt als das Land des Boulevard-Journalismus. Mit dem Tabloid haben sie sogar ihr eigenes Format, ähnlich der Bild am Sonntag, Welt kompakt oder Hamburger Morgenpost. Wohl nirgends sonst ist der Kampf der handlichen Blätter mit den fetten Schlagzeilen so heftig wie auf der Insel. Ein ums andere Mal geht “The Sun” daraus als Sieger hervor.
1964 wurde die Sun auf den Markt gebracht. Sie sollte das Blatt einer kulturinteressierten und aufstrebenden Arbeiterschicht sein. Diese Leserschaft gab es aber offenbar nicht und so halbierte sich die Auflage innerhalb von fünf Jahren auf 850.000. Der Siegeszug begann erst 1969 mit dem Relaunch durch den neuen Besitzer Rupert Murdoch. Er brachte die Sun als kompromissloses Boulevardblatt auf den Markt und steigerte die Auflage innerhalb eines Jahres auf 2,1 Millionen Exemplare. Heute liegt sie bei 3,2 Millionen Ausgaben.
Fester Bestandteil ist das Page-three-Girl. Berühmtestes Beispiel ist die Sängerin Samantha Fox, die ihre Karriere auf Seite 3 der Zeitung begann. Womit die Financial Times in Deutschland für großen Wirbel sorgte, hat die Sun überhaupt keine Probleme. Offene Wahlempfehlungen gab sie unter anderem für Margaret Thatcher, John Major und Tony Blair ab.
Auch was die Schlagzeilen angeht, sehen die Schreiber in deutschen Boulevard-Redaktionsstuben häufig wie Waisenknaben aus. Gotcha! – Erwischt! titelte das Blatt zum Bild eines versenkten argentinischen Kriegsschiffes im Falkland-Krieg. “Le worm” wurde Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac wegen seiner Anti-Irak-Krieg-Haltung genannt. Oftmals erwischt die spitze Feder auch Deutsche. So stand zu einem Foto einer Rückansicht der urlaubenden Bundeskanzlerin Merkel: “I’m big in the Bumdestag”. Kein Lob für ihre Politik, eher eine Einschätzung der Größe ihres Pos steckte dahinter.